
Einen Vorgeschmack von Sommer haben wir bereits im April bekommen, bei Temperaturen um 30° und großer Trockenheit. Die dicken Pullover sind tief im Schrank verschwunden – mussten Platz machen für Röcke und Sandalen.
Aber noch ist es nicht so weit – der Sommer will nichts überstürzen. Er kommt langsam und wir haben Zeit, uns auf ihn vorzubereiten.
Was macht den Sommer für uns so begehrenswert?
Sonne, Licht, Wärme, Zuwendung, Leben unter freiem Himmel, Leichtigkeit, barfuß, erdverbunden, Nachbarschaftskontakte über den Gartenzaun, Gefühl von Freiheit, Urlaub, Abenteuer, sich ausprobieren, sich neu erleben, Bewegung, Spiel, Ortsveränderung, Hautgefühl und Liebe, Leben in Fülle…..
Im Sommer gehen wir über unsere Grenzen hinaus, testen unsere Möglichkeiten, messen unsere Kräfte, in der hochsommerlichen Zeit der roten Energie, der roten Früchte.
Den Reigen eröffnet dabei die Erdbeere; Johannisbeeren und Kirschen folgen.
Die Erdbeere bildet das Entrée, den Anfang, die Vorspeise. Sie bereitet allem anderen den Weg.
Sie bringt uns auf den Geschmack des Sommers, von dem wir zu Recht viel erwarten.
Eigentlich ist die Erdbeere eine Scheinfrucht. Das saftige Fruchtfleisch dient als Nährboden für die eigentlichen Früchte der Erdbeere, die kleinen gelben Nüsschen an der Oberfläche.
Erdbeeren sind Heilpflanzen. Sie enthalten Vitamin C und wirken antibakteriell und entzündungshemmend. Ein Wellness-Cocktail zu Beginn des Sommers.
Schon in der Steinzeit kannte man die Erdbeere. Im Mittelalter begann man die kleinen Walderdbeeren zu kultivieren. Im 18. Jahrhundert entwickelte sich unsere Gartenerdbeere durch Experimente mit Kreuzungen von Erdbeergewächsen aus der „Neuen Welt“ und europäischen Erdbeerpflanzen.
Erdbeeren finden sich häufig auf mittelalterlichen Gemälden.
In dem bekannten Bild des so genannten oberrheinischen Meisters „Das Paradiesgärtlein“ (1410) sind Erdbeeren zu sehen und auch in dem Bild „Madonna in den Erdbeeren“, (1425) das demselben Maler zugeschrieben wird.
Worin besteht die Nähe der Erdbeere zum Paradies und zu Maria?
Das verstehen wir, wenn wir uns ihrer im Mittelalter entstandenen religiös aufgeladenen Symbolik zuwenden, einem Kapitel im volksnahen Katechismus in der Natur: Die dreiteiligen Blätter der Erdbeerepflanze stehen für die Dreieinigkeit, ihr niedriges Wuchsbild für Demut und Bescheidenheit und die nach unten hängenden roten Früchte für das vergossene Blut Christi. Die fünfblättrige Blüte ist Sinnbild der fünf Wunden Christi. Die reife Frucht steht für die Reife einer jungen Frau zu Ehe und Mutterschaft. Maria ist die neue Eva, die ihren Platz im Paradies hat. Der jungfräulich schwangeren Maria entspricht die Erdbeerpflanze, die uns in allen Stadien von Wachsen, Reifen und Neuwerden begegnet. In der Gleichzeitigkeit von Blühen und Fruchttragen ist sie ein Mariensymbol; die Ausläufer der Pflanzen kündigen die nächste Generation an. Leben in Fülle - ein nie endender Segen.
Diese Deutungsbilder aus der mittelalterlichen Tradition können auch für uns heute Sinn erschließen:
In dieser Symbolik vermittelt sich Gott. Die Erdbeere spricht von Gott und ist ein Segen.
Im Verzehr von Erdbeeren können wir uns der Gegenwart Gottes vergewissern und einer Zukunft für uns.
Zu Beginn eines jeden Sommers schenken uns die roten Erdbeeren einen Geschmack des Himmels, der Fülle des Lebens, des göttlichen Segens.
Wo brauchen wir diesen Segen zu Beginn des Sommers?
Wofür wollen wir die Energie, die Fülle dieser Zeit nutzen?
Was soll in uns wachsen und stark werden?
Wenn wir einen Moment darüber nachgedacht haben und Antworten gefunden, dann greifen wir in diese Schüssel mit den frischen, knackigen Erdbeeren, beißen hinein, lassen die Frucht ihr Aroma entfalten und spüren, wie der Segen Gottes in uns wirkt und mit uns geht in unsere Sommerzeit, in unsere Zeit der Fülle.
Gott schenke uns, was wir für unser Wachstum brauchen. Amen.
Mai 2007, Kristin Flach-Köhler, Referentin für Frauen, Bildung, Spiritualität der Evangelischen Frauen in Hessen und Nassau e.V.
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