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Was ist unser  Beitrag für die Zukunft der Kirche?

Liebe Leserin,
lieber Leser,

Heute ist es nichts Besonderes mehr: Frauen sind in den letzten 50 Jahren zunehmend selbstverständlicher Predigerinnen, Gemeindeleiterinnen, übernehmen verantwortliche Aufgaben in vielen Bereichen. Sie sind zwar in allen herausragenden Ämtern immer noch unterrepräsentiert, gemessen an der weiblichen Mitgliedschaft, aber die Veränderung ist sichtbar und sogar weltweit und konfessionsübergreifend, wenn wir an den von Frauen erarbeiteten, organisierten und getragenen Weltgebetstag denken.

Wie war das in der ersten Christenheit? Das Neue Testament und zeitgleiche jüdische Schriften lassen erkennen, wie Frauen lebten und was sie beschäftigte. Allerdings müssen wir berücksichtigen, dass die überwiegend männlich geprägte Überlieferung, wie auch die Auslegungstradition und die meisten gebräuchlichen Übersetzungen, es schwer machen zu erkennen, welche Rollen die Frauen in den ersten christlichen Gemeinden wirklich eingenommen haben. Auch wir selbst haben Jahrtausende lang trainiert, uns als Frauen unsichtbar zu machen. Unsere männlich geprägte Sprache wirkt sich da entscheidend aus. Und wir wirken mit. Aber wenn wir den Blick kritisch und gezielt auf Frauen richten, die im Neuen Testament genannt sind, dann sehen wir, wie sie sich aktiv im Gottesdienst, in der Verkündigung und im Abendmahl, als Leiterinnen von Gemeinden und als Apostelinnen in der Verbreitung der Sache Jesu eingesetzt haben.

Im Brief an die Gemeinde in Rom, den Paulus etwa im Jahr 56 von Korinth aus schrieb, bestellt er Grüße an ihm bekannte Männer und Frauen und nennt auch ihre Bedeutung (Röm 16, 1-16). Zunächst empfiehlt er der Gemeinde in Rom Phöbe, Diakonin der Gemeinde Kenchräa, eine Autorität, die vielen, auch ihm selbst, Schutz geboten habe. Dann bestellt er Grüße an 16 namentlich genannte Männer und zehn Frauen. Das Wirken für die Gemeinde von Tryphaina, Tryphosa und Mirjam bezeichnet er mit „Schwer-arbeit“ wie sein eigenes Wirken für die Christenheit. Aquila nennt er „Mitstreiterin im Messias Jesus“. Aber ausdrücklich nennt er Andronikus und Junia Apostel und Apostelin. In gleicher Weise wie er stärkten sie also die Gemeinden, lehrten, predigten, feierten Gottesdienst mit ihnen und berieten sie in vielen Fragen.

Am Beginn der neuen Bewegung Jesu Christi spielten Frauen eine entscheidende Rolle: Als Auferstehungszeuginnen (Mk 143-9, Mt 28,1-10, Lk 24.1-11, Joh 20,1-10), mit denen die christliche Geschichte begann. In ihren Häusern bildete sich Gemeinde wie bei Lydia in Philippi (Apg 16,14.15). Sie boten Raum und Schutz und feierten miteinander Gottesdienst. Marta, die Schwester von Lazarus, bekannte sich zu Jesus (Joh 11,27) genau wie Petrus und weist öffentlich auf Jesus als Gottes Gesandten hin. Frauen haben schon in der ersten Christenheit an herausragenden Stellen das Fundament gelegt, auf dem wir stehen.

Und so war es auch in all den Jahrhunderten bis heute. Wir müssen nur ein wenig genauer hinschauen. Elisabeth Markgräfin von Brandenburg, Elisabeth von England oder Margarethe von Navarra, Elisabeth von Braunschweig-Lüneburg, zusammen mit dem Hessischen Reformator Corvinius, z.B. haben in ihrem Fürstentum die Reformation eingeführt. Argula von Grumbach, Anna Ovens Hoyers, Katharina Zell und viele andere setzten sich mit Wort, Schrift und theologischen Büchern für die Reformation ein und boten verfolgten Glaubensgeschwistern Zuflucht. Sie alle haben in großer Freiheit das Priestertum aller Glaubenden gelebt und gefördert und so die Gleichstellung von Mann und Frau in den reformatorischen Kirchen ins Bewusstsein gebracht. Was den Reformatoren wie Luther und Calvin nicht möglich war, haben sie für uns alle mit Leben gefüllt: „… da ist nicht männlich und weiblich: denn alle seid ihr einer im Messias Jesus“ (Gal 3,28).

Und nun sind wir an der Reihe. Die Lage ist nicht einfach. Veränderungen, Strukturwandel, sinkende Akzeptanz und Verlust gesellschaftlicher Relevanz, Stichworte zeigen es an. Offensichtlich ist: Es geht nicht weiter so wie bisher. Wir sind gefragt, unseren Teil beizutragen. Wir brauchen eine Kirche, die wir lieben können, ohne Hierarchie, ohne erstarrte Tradition, mit einer Sprache, die Menschen heute verstehen. Es gibt sie doch längst, die Lieder, die Gottesdienstformen, die von unseren Fragen und Hoffnungen getragen sind. Auch Frauen in ihren Gottesdiensten haben sie entwickelt. Wir brauchen Gemeinden, in denen Menschen miteinander feiern können und trauern, aber auch gemeinsam einen Weg finden für uns, unseren Ort und unsere Welt. Und auch da sind wir gefragt. Aber wir müssen auch den Mut haben, Verantwortung zu übernehmen, in Vorständen, Synoden, Ausschüssen, an allen Stellen, die bisher von uns unterbesetzt waren. Unser eigener Beitrag ist notwendig für die Entwicklung unserer Kirche.

Ihre

Astrid Standhartinger, Pfarrerin i. R.